Jakobsweg

28. Tag

Muros de Nalon – Soto du Luiña 15 Km (6 Stunden)

6:25 Uhr, die ältere Dame aus Holland unter meinem Bett fängt an ihren Rucksack zu packen während das deutsche Paar und ich gerne noch etwas liegen bleiben würden. 6:35 Uhr, die Holländerin ist immer noch fleißig am packen und ich fange an mich zu fragen, was sie wohl noch so alles in ihrem Rucksack zu verstauen hat. 6:45 Uhr, das Spektakel ist noch im vollen Gange und langsam geht mir die Holländerin gehörig auf den Keks. 6:55 Uhr, das Grauen hat ein Ende und der Rucksack sitzt endlich auf dem Rücken der Pilgerin und sowohl das Ehepaar, als auch ich sind mittlerweile alle hellwach. Geschlagene 30 Minuten hat die Holländerin an ihrem Rucksack rum gemacht und während der gesamten Zeit hat unser doppelstöckiges Bett bei jede ihrer Bewegungen gequietscht.

Part I: Es ist strahlend blauer Himmel und nach gelaufenen zwei Kilometern komme ich an einen herrlichen Steinstrand und ohne lange zu überlegen gehe ich samt meinem Rucksack die paar Stufen zum Strand hinunter und pelle mich aus meinem Shirt, den Socken und den Schuhen und lege mich in die Sonne. Ich bleibe insgesamt 2,5 Stunden am Strand liegen und genieße das herrliche Wetter und das Meerrauschen. Was soll diesen Tag jetzt noch trüben?

Part II: Um 13 Uhr mache ich mich vom Strand aus auf den Weg und werde direkt mal steil auf einer Straße endlos lang nach oben geführt. Die Sonne brennt weiterhin und die Steigung hat es echt in sich. Irgendwann am höchsten Punkt angekommen, geht es kurze Zeit abwärts, um zwei Kurven später wieder steil nach oben zu führen. Dieses Spiel wiederholt sich nun immer wieder und die steilen Aufstiege und die Hitze setzen mir so richtig zu. Langsam ist mir der Spaß vergangen und die Schmerzen im linken Schienbein werden immer schlimmer. Ich bin ziemlich fertig und schaue auf Google Maps wie weit es noch zum Zielort Soto du Luiña ist. 8,4 Kilometer und geschätzte 2,5 Stunden. Das Auf und Ab geht unverändert weiter und auch die Sonne brennt weiterhin mit meinem Schienbein um die Wette. Ein (falscher) Wegweiser führt mich schließlich ca. 400m abwärts in eine Sackgasse und ich muss die gelaufene Strecke anschließend wieder zurück laufen, dieses mal aber wieder mal aufwärts. Ich komme immer mehr an körperliche Grenzen und Zorn steigt in mir hoch. Wer legt so eine Streckenführung fest und will man uns nach gelaufenen 550 Km so richtig kaputt machen? Ich kann nicht mehr und die Schmerzen lassen nichts Gutes ahnen. Ich bin irgendwo alleine in einem Wald und komme nur alle halbe Stunde mal an irgendwelchen Häusern vorbei und werde dort dann noch an jedem zweiten Haus von aggressiven Hund angebellt. Natürlich sieht man die Hunde meist erst im letzten Moment und erschreckt sich jedes Mal aufs Neue. Mein Aggressionspegel hat mittlerweile ein beängstigendes Level erreicht, ich bin jetzt eine tickende Zeitbombe. Keine Menschenseele ist zu sehen und ich steige immer noch einen Hügel nach dem anderen hoch und kann mittlerweile nicht mehr richtig laufen. Ich komme mir vor wie ein unfreiwilliger Kandidat einer RTL Survivor Show und es scheint als wolle man mich für die Fernsehzuschauer so richtig schön vorführen. Ich koche vor Wut und schimpfe mittlerweile laut vor mich hin und ein weiterer Blick auf Google Maps verrät mir, dass es jetzt noch immer 3,4 Kilometer bis zur Herberge sind. Zur Abwechslung mal wieder ein extrem steiler Anstieg und die Schmerzen erreichen ihren Höhepunkt und ich meinen Tiefpunkt. Völlig am Ende und schmerzverzerrt erreiche ich nach endlosen drei Stunden die Herberge und tobe vor Erschöpfung und Zorn. Nach dem Einchecken erst mal unter die Dusche und hier die nächste Überraschung. Kein warmes Wasser, ich muss tatsächlich mit kaltem Wasser duschen und dies trägt nicht unbedingt zur Steigerung meiner Laune bei. Ich sorge mich um mein linkes Bein, die Schmerzen heute Abend sind heftig und aktuell lässt es sich schwer vorstellen Morgen damit irgendwie laufen zu können. Ich liege jetzt brav im Bett, Bein hochgelagert und Eis drauf und hoffe auf ein erneutes Camino Wunder. Es war eine furchtbare Etappe und es scheint, als wäre heute das Thema (Jäh) Zorn für mich dran gewesen. Wo kommt dieser Zorn in mir her und wie kann ich ihn richtig kanalisieren?

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