Jakobsweg

5. Tag

Mutriku – Zenerruza (31 Km, 7,5 Stunden)

Heute war die Königsetappe mit 1000 Höhenmetern und insgesamt 31 Km Länge und das Ganze bei strahlend blauem Himmel. Vorweg, die Etappe brachte mich an meine körperlichen Grenzen und darüber hinaus. Die letzten 2 Km habe ich mich mit letzter Kraft ins Kloster Zenerruza geschleppt und hier werde ich auch übernachten und mal wieder auf ein kleines Camino Wunder hoffen. Aktuell habe ich keine Idee, wie ich Morgen wieder laufen soll. Wir werden sehen und es wird kommen, wie es kommen soll.

Meine Anekdoten von heute, so kurz wie nur möglich, da ich echt völlig erschöpft bin. Ich war ca. 4 Stunden unterwegs ohne dass es in dieser Zeit irgendwo die Chance gegeben hätte etwas zu essen oder trinken zu bekommen. Meine Vorräte waren aufgebraucht und ich hatte nur noch Wasser bei mir, als ich mich für eine kurze Pause an den Wegrand setzte und der Italiener Francesco vorbei kam und sich zu mir setzte. Er packte ebenfalls Wasser und zudem zwei Bananen aus und fragte mich, ob ich nichts mehr zu essen hätte. Als ich verneinte stand er auf und gab mir kurzerhand seine zweite Banane. Erst wollte ich ablehnen, da er selbst nur zwei Bananen hatte, aber letztendlich nahm ich dankend an. Vor drei Tagen teilte ich meinen Müsliriegel mit meinem Pilger Bruder, was mir deutlich leichter fiel, als das Angebot von Francesco anzunehmen. Wir Pilger passen aufeinander auf und es ist ein Geben und Nehmen und auch, wenn ich besser geben kann, so bin ich dankbar, dass mein Pilger Kollege aus Italien heute auf mich acht gegeben hat.

Nach vielen Stunden kam ich dann mit meinem Pilger Bruder Julien in den ersten Ort seit unserem Start um 7:30 Uhr und wir waren erschöpft, hungrig und durstig. Endlich war da ein kleiner Tante Emma Laden und wir kauften Baguette, etwas Wurst, Avocado und Wasser und setzten uns auf eine Bank mitten im Ort und erfreuten uns an dem Stück Brot, welches wir mit der Avocado bestrichen und mit Wurst belegt hatten. Wir zogen die Schuhe aus und unsere Rucksäcke standen neben uns. Wir sahen aus wie Landstreicher und mir kam der Gedanke wie man wohl selbst auf solche Leute reagiert, wenn sie irgendwo auf einer Bank sitzen und wie schnell man dann in die Wertung geht. Ich hoffe, dass ich beim nächsten Mal zu Hause einfach mal auf so Leute zu gehe und frage, ob sie evtl hunger oder durst haben.

Dann kam der nächste magic moment der heutigen Etappe, als Julien mich nach einem Messer für seine geschundenen Füße fragte und mir einfiel, dass ich kurz vor dem Start meiner Reise ein Schweizer Taschenmesser von Julia und Steven geschickt bekommen hatte. Ich packte also mein Taschenmesser aus der Tasche und zog das Messer raus und sah plötzlich, dass die beiden das Messer anscheinend noch mit meinem Namen hatten beschriften lassen. Das war so rührend und bewegend in diesem Moment und in einem Zustand völliger Erschöpfung eine so große Freude für mich. Julia und Steven, vielen lieben Dank für Euer Geschenk und für den wundervollen Moment des Glücks. Besser hätte man Eure kleine Überraschung nicht inszenieren können und es war wohl kein Zufall, dass ich es zu Hause beim Auspacken noch gar nicht entdeckt hatte und Julien mich heute nach einem Messer fragte.

Fazit vom fünften Tag: Teile Dein Glück und es kommt zu Dir zurück.

Eine persönliche Anmerkung für mich: Was Du heute geleistest hast war bemerkenswert und Du darfst zurecht sehr stolz auf Dich sein. Die ersten 100 Km sind erreicht und Du bist bislang so stark und laut verschiedenen Mitpilgern ein Ruhepol in der Gemeinschaft.

3 Kommentare

  • Kathi

    Lieber Andreas, auch wenn es nicht auf die täglichen Kilometer, die man gelaufen ist, ankommt, hast du heute enormes geleistet und kannst stolz auf dich sein.
    Pilgere weiter mit deinen offenen Augen, denn das was du siehst ist das, was den Camino ausmacht! Fremde, die zu deiner Familie werden, Hilfsbereitschaft für Dinge, die viele im Alltag vergessen haben und das Freuen über die kleinen Dinge im Leben! Da können auch ein Brot oder eine Banane pures Glück bedeuten 🙂

    In diesem Sinne, weiterhin Buen Camino!

  • Mario

    Hallo Andreas, ich find den Blog klasse und Deine Anekdoten sind echt interessant. Ich liebte das Buch von Hape, aber Deine Erlebnisse quasi Live mitzuerleben ist nochmal eine Schippe drauf.
    Ich halt dir weiterhin die Daumen, dass Du noch viele tolle Erlebnisse hast.

  • Wendy Köhler

    Lieber Andreas Ich kann nicht glauben was Du geleistet hast , hauptsacher es macht dir noch Spass So schöner
    Bilder jeden Tag. Ich freue mich immer auf dein Log . Lieber Grüße Mama

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