Jakobsweg

Niemals geht man so ganz

Heute Morgen verließ ich meine Unterkunft gegen 8:00 Uhr und irgendwie schwang da bereits etwas Wehmut mit, weil ich voraussichtlich Morgen Santiago erreichen werde.

Ich habe ein wenig Angst vor der Ankunft, weil ankommen wieder einmal bedeutet zurück in diese andere Welt zu gehen.

Eine Welt, die sich meiner Meinung nach aktuell global in einem Transformationsprozess befindet. 
Ein Transformationsprozess, den ich sehr bewusst erlebe und der mich die letzten Monate viel Energie gekostet hat.


Morgens war es heute anfangs sehr frisch und ich startete wie so oft alleine auf meine vorletzte Etappe. Ich konnte der Sonne beim Aufgehen zuschauen und die friedliche Stimmung um mich herum wahr nehmen und genießen. 


Ich hörte meinen Camino song und eine Mischung aus Freude und Trauer machte sich in mir breit. Ich lief und die Tränen liefen. Tränen der tiefen Freude, aber auch Tränen der Trauer.

Ich lief und plötzlich sah ich weiter vorne die liebe Studentin Levi aus den Niederlanden unter einem Baum sitzen. Sie wirkte nachdenklich und ich fragte, ob ich mich ein paar Minuten zu ihr setzen dürfe.

Ich durfte und Levi erzählte mir von ihrem „Freund“ und dass sie sich lieben, aber beide wissen, dass sie aktuell diese Liebe nicht leben können. Levi hörte gestern einen holländischen Song und berichtete ihrem „Freund“ in einer Nachricht darüber.

Der Freund hatte den gleichen Song kurz vorher von seiner Schwester geschickt bekommen und Levi weiß um ihre Verbindung und weiß aber auch, dass es aktuell keinen gemeinsamen Weg ihrer Liebe gibt.

Levi sah dabei so zerbrechlich und traurig aus und ich musste sie danach einfach mal in den Arm nehmen.

Ich sitze gerade hier in einer Mini Badewanne in meiner Unterkunft und freue mich auf Santiago Morgen und gleichzeitig möchte ich eigentlich gar nicht ankommen.

Es ist nicht einfach, wenn man so viel spüren und fühlen kann und sicherlich überfordere ich auch das ein oder andere Mal Menschen damit.

Es ist ein Teil von mir und es ist eine Gabe und gleichzeitig auch manchmal eine Last.

Ich bin gerade unendlich dankbar, glücklich und gleichzeitig auch sehr traurig.

Eine Freundin von mir sagte einmal: „sei nicht traurig, dass es vorüber ist, sei glücklich darüber, dass es geschehen durfte.“

Heute bin ich in Padrón gelandet und habe nunmehr nur noch 25 Kilometer bis Santiago.

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