Jakobsweg

11. Tag

Laredo – Güemes 30 Km (24 zu Fuß, 6 mit dem Bus) 8,15 Stunden

Was für ein intensiver Tag heute und Konfrontation mit meinen zwei großen Themen „Loslassen“ und „Härte gegen mich selbst“. Gestern zeichnete sich ja bereits ab, dass ich mir wohl an beiden Unterschenkeln eine Sehnenentzündung zugezogen habe und heute Morgen waren diese Schmerzen leider immer noch sehr präsent. Was sollte ich also tun bzw. was wäre die richtige Entscheidung und was ging mir alles durch den Kopf? Mein erstes Thema war der unbedingte Wille den Weg fortsetzen zu wollen bzw. mein Problem eigene Schwächen nicht akzeptieren zu wollen. Mein Kopf wollte unbedingt, aber mein Körper (in diesem Fall die Beine) sagte eigentlich was anderes. Ich war hin und her gerissen zwischen „Du brauchst eine Pause“ und „Man muss auch mal über den Schmerz drüber gehen“. Zu diesem inneren Konflikt kam dann noch mein zweites größeres Thema und zwar das Loslassen. Würde ich heute eine Pause einlegen, würde ich ggf. den Kontakt zu den anderen Pilgern verlieren, denen ich seit Tagen immer wieder begegne und die mir schon so sehr ans Herz gewachsen sind. Es war ein zäher Kampf gegen und mit mir und bis zuletzt wusste ich nicht wie ich entscheiden sollte. Um 8:00 Uhr musste ich schließlich die Pilgerherberge verlassen und so lief ich mit heftigen Schmerzen in den Beinen los und wollte zunächst schauen ob und wie weit ich ggf gehen konnte. Vorweg, diesen Kampf führte ich am Ende 8 Stunden und unter ständigen Schmerzen lief ich sage und schreibe 24 Km. Es war ein Wechselbad der Gefühle, wundervolle Landschaften, Schmerzen und der innere Kampf mit mir selbst machten diesen Tag zu einer unvergesslichen Etappe und zeigte mir deutlich woran ich die nächsten Tage zu arbeiten habe. Irgendwann wurde ich sogar richtig zornig auf mich selbst, weil es mir nicht gelang etwas milder zu mir selbst zu sein. Warum kann ich mich nicht einfach mal selbst in den Arm nehmen und anerkennen was ich hier alles leiste? Bin ich verantwortungslos oder bin ich doch ein rießen Kämpfer? Nach 24 Km waren die Schmerzen zu stark und die nächste Unterkunft lag noch 6 Km entfernt vor mir. Ich entschied schweren Herzens die restlichen Kilometer mit dem Bus zurück zu legen und erneut hatte ich einen inneren Konflikt. Ein Teil in mir fühlte sich als Versager, weil nicht alles gelaufen wurde während der andere Teil sah, dass ich zugunsten der Gesundheit die Notbremse gezogen und eine Entscheidung getroffen hatte. Ich wäre gerne uneingeschränkt stolz auf mich und diese Kämpfe in mir kosten sehr viel Energie. Ich möchte jetzt wenigstens gerne anerkennen, dass ich heute wirklich gebissen habe und zur Belohnung Landschaften zu sehen bekam, die atemberaubend und grandios waren.

Jetzt in der Pilgerherberge eines Pastors angekommen fühle ich mich wohl und später werden dann ca. 40 Pilger gemeinsam zu Abend essen worauf ich mich sehr freue. Die Schmerzen sind jetzt auch nicht schlimmer geworden und vielleicht habe ich es ja doch geschafft das richtige Maß zu finden. Es war ein sehr intensiver Tag und während ich meine Gedanken niederschreibe gelingt es mir auch ruhiger zu werden. Ich habe noch viel Arbeit vor mir, aber ich bin bereit weiter an mir zu arbeiten.

Fazit des Tages: Manchmal müssen wir Entscheidungen treffen ohne zu wissen, ob sie „richtig“ oder „falsch“ sind und Loslassen muss immer wieder geübt werden.

Memo an mich: nimm Dich doch einfach mal in den Arm und sei milder zu Dir selbst. Du hast es verdient!

7 Kommentare

  • Susanne

    Lieber Andreas, ich denke einfach, dass Du unglaublich stolz auf Dich sein kannst. Das zeigen auch die vielen positiven Kommentare hier. Du hast einen unglaublich hohen Anspruch an Dich, was natürlich bemerkenswert ist, aber Du es Dir damit auch nicht leicht machst. Nicht immer einfach, diese Gratwanderung….. Und es gibt nicht immer ein richtig oder ein falsch. Nur ein hier und jetzt.
    Und Du machst das unglaublich gut….. danke nochmals fürs Teilhaben lassen….

  • Yasmine

    Lieber Andreas, danke für deinen Mutausbruch, uns an deinen Gedanken und Zweifeln teilhaben zu lassen!
    Allein darauf darfst du schon unendlich stolz sein, denn es ist eine große Leistung!

    Und mega stolz kannst, darfst – und ich finde persönlich – musst du stolz auf dich sein, die gestrige Etappe – eine Etappe in deinem Leben – so grandios gemeistert zu haben:
    Sie hat ja nicht nur physisch Kraft gekostet, sondern dich auch ganz besonders psychisch herausgefordert : du hast dich entschieden zu starten, unter Schmerzen zu Fuß zu gehen, hast richtig entschieden, auf deinen Körper so aufzupassen und zu sorgen, dass du für das letzte (kleine) Stück des Weges den Bus nimmst, dir helfen lässt.
    Das alles war wichtig und richtig, denn nur DU allein gewinnst und meistert deine Herausforderungen, wenn DU sie für dich entscheidest! Und das hast du großartig gemacht. Du hast es dir verdient!
    Fühle dich umarmt von mir,
    Deine Yasmine

  • Andrea

    Lieber Andreas, wir kennen uns aus einem „anderen“,früheren Leben. Dank einer wundervollen, gemeinsamen Freundin darf ich an deinem Mutausbruch teilhaben. Ich bin völlig beeindruckt von jedem Wort und jedem Bild……mach weiter so, egal welche Entscheidung du triffst, sie kann nur richtig sein. Ganz liebe Grüße, Andrea

  • Christine und hans

    Hallo Andreas vorweg einfach danke für alles was du gegeben hast . Sei einfach du selbst und nimm alles leichter geh solange du kannst nimm dir Zeit für deinen Körper der sagt dir schon was er kann und was nicht. Versagen gibt es nicht nein man lernt einfach weiter zu machen .viel Spaß auf deiner weiteren Reise und ganz viele schöne Momente denn die sind immer bei dir

  • Julia Weiter

    Hallo Andreas,
    ich finde es toll, wie du uns an deiner Reise teilhaben lässt! Nimm dich in den Arm & genieße deine Reise!
    Ich bin stolz auf dich!

    Liebe Grüße
    Julia

  • Julia

    Hallo Andreas,
    Ich danke dir für die tollen Berichte und das Teilhaben!
    Du kannst echt stolz auf dich sein! Ich bin es definitiv!
    Nimm dich in den Arm, klopf dir auf die Schulter
    Liebe Grüße
    Julia

  • Christian

    Hallo Andreas,
    wie angekündigt verfolge ich dich auf deinem Blog.
    Gefällt mir unheimlich gut, wie du deine Eindrücke, Gefühle usw beschreibst. Macht echt Spaß „dabei“ zu sein. Und die komplette Aufmachung deines Blog ist toll, sehr professionell. Wäre das nicht was für dich, für deinen weiteren beruflichen Weg …….. ?
    Mir ist aufgefallen, das Bergsteigen und Pilgern wohl viel gemeinsam hat: Stille, ein Ziel, beeindruckende Landschaften und tolle Gefährten, aber auch nervige, störende Leute im Schlafraum auf den Hütten und vor allem der Punkt an dem man sich frägt, warum man das eigentlich macht, warum man sich so quält….
    Ich hoffe das du weiterhin auf diese Frage eine Antwort hast !
    Gruß, Christian

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